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Resilienz und warum „stark sein“ nicht dasselbe ist wie resilient sein

4. Sept.
5 Min. Lesezeit

Wie viel ein Mensch aushält, sagt noch nicht, wie resilient er ist.

Vielleicht kann jemand unter enormem Druck funktionieren, weitermachen und nach außen vollkommen stabil wirken. Und trotzdem kann die Belastung innerlich Spuren hinterlassen.

Ein anderer Mensch ist vielleicht zunächst tief erschüttert, braucht Zeit, Unterstützung und muss sein Leben neu ordnen. Und entwickelt gerade dadurch einen guten Umgang mit dem, was geschehen ist.


Wer von beiden ist resilienter?

Genau hier beginnt das Missverständnis rund um den Begriff Resilienz.

Wir verbinden Resilienz häufig mit Belastbarkeit, innerer Stärke oder der Fähigkeit, schwierige Situationen möglichst unbeschadet zu überstehen. Psychologisch betrachtet greift das zu kurz.


Resilienz beschreibt vielmehr, wie ein Mensch mit einer bedeutsamen Belastung umgeht, sich an ihre Folgen anpasst und im weiteren Verlauf wieder eine tragfähige psychische Funktionsfähigkeit entwickelt.


Damit verändert sich auch die entscheidende Frage.

Nicht: „Bin ich ein resilienter Mensch?“

Sondern: „Wie gehe ich mit einer Belastung um und welche Ressourcen helfen mir dabei?“


Was macht einen Menschen resilient?

Ist es die Fähigkeit, besonders viel auszuhalten? Auch unter Druck weiterzumachen? Sich nach einem Rückschlag schnell wieder aufzurichten?

Oder bedeutet Resilienz vielleicht etwas anderes?


Kaum ein Begriff wird heute so häufig verwendet wie Resilienz. Wir sprechen von resilienten Menschen, resilienten Unternehmen, resilienten Kindern und sogar von einem resilienten Immunsystem. Dabei wird Resilienz häufig mit Belastbarkeit, innerer Stärke oder der Fähigkeit gleichgesetzt, schwierige Situationen möglichst unbeschadet zu überstehen.


Psychologisch betrachtet greift das zu kurz.

Resilienz wird heute vor allem als dynamischer Prozess verstanden, mit bedeutsamen Belastungen oder widrigen Lebensumständen umzugehen und sich trotz dieser Belastung positiv anzupassen. Dabei geht es nicht darum, von einer schwierigen Erfahrung unberührt zu bleiben. Es geht darum, wie ein Mensch mit ihrer Wirkung umgeht und wie sich seine psychische Anpassung über die Zeit entwickelt.

Das verändert auch die Frage.

Nicht: „Bin ich ein resilienter Mensch?“

Sondern: „Wie gehe ich mit dieser Belastung um und welche Ressourcen helfen mir dabei?“


Woher kommt der Begriff Resilienz?

Das Wort stammt vom lateinischen resilire, was so viel bedeutet wie zurückspringen oder zurückfedern.

Seinen Ursprung hat der Begriff unter anderem in der Physik. Ein Material ist resilient, wenn es nach einer Belastung in seine ursprüngliche Form zurückkehren kann.

Beim Menschen ist dieses Bild allerdings nur bedingt passend. Wir sind keine Gummibälle.


Eine belastende Erfahrung muss nicht dazu führen, dass wir anschließend wieder genau dort ankommen, wo wir vorher waren. Manchmal verändern uns Erfahrungen. Wir entwickeln neue Fähigkeiten, verändern Prioritäten oder lernen, mit bestimmten Situationen anders umzugehen.


Resilienz bedeutet deshalb nicht zwingend, zurückzuspringen. Manchmal bedeutet sie, sich unter veränderten Bedingungen neu anzupassen.


Resilienz ist nicht dasselbe wie „stark sein“

Ein Mensch kann sehr viel aushalten und trotzdem Schwierigkeiten haben, sich an eine Belastung anzupassen.

Er kann funktionieren, arbeiten, Verantwortung übernehmen und nach außen vollkommen stabil wirken, während innerlich bereits eine erhebliche Belastung besteht.

Umgekehrt kann ein resilienter Mensch Angst haben, traurig sein, erschöpft sein oder zeitweise nicht wissen, wie es weitergeht. Das widerspricht der Resilienz nicht.


Forschung zu Reaktionen auf Verlust und potenziell traumatische Erfahrungen zeigt, dass Menschen sehr unterschiedliche Verläufe nehmen. Manche erleben zunächst starke Belastung und erholen sich allmählich. Andere zeigen von Anfang an relativ stabile psychische Funktionen. Wieder andere entwickeln erst später Schwierigkeiten. Resilienz ist deshalb nicht einfach die Abwesenheit von Leid, sondern beschreibt einen bestimmten Verlauf der Anpassung. Das ist ein wichtiger Unterschied.


Resilienz bedeutet nicht, dass eine Belastung keine Wirkung auf mich hat.

Sie beschreibt, wie ich mich unter und nach dieser Belastung anpasse.


Was beeinflusst Resilienz?

Resilienz entsteht nicht aus einer einzigen persönlichen Eigenschaft.

Sie entwickelt sich aus dem Zusammenspiel verschiedener Faktoren. Dazu gehören persönliche Fähigkeiten, frühere Erfahrungen, biologische Voraussetzungen, Beziehungen, soziale Unterstützung und die konkreten Lebensbedingungen.

Deshalb kann ein Mensch in einer Situation sehr resilient reagieren und in einer anderen deutlich verletzlicher sein. Auch das bedeutet nicht, dass ihm plötzlich „Resilienz fehlt“.


Die Forschung beschreibt Resilienz zunehmend als veränderlichen und kontextabhängigen Prozess und nicht als festes Persönlichkeitsmerkmal.

Das erklärt auch, warum die Frage „Bin ich resilient?“ eigentlich zu kurz greift.

Sinnvoller ist es, eine konkrete belastende Situation anzuschauen.


Woran kann ich meine eigene Resilienz erkennen?

Denke an eine Situation, die dich über einen längeren Zeitraum deutlich belastet hat. Nicht an einen schlechten Tag, sondern an etwas, das tatsächlich Anpassung von dir verlangt hat.

Dann kannst du dir einige Fragen stellen: Wie habe ich auf die Belastung reagiert?

Bin ich handlungsfähig geblieben oder habe ich zunehmend das Gefühl verloren, Einfluss nehmen zu können?


Konnte ich meine bisherigen Strategien an die neue Situation anpassen?

Oder habe ich immer wieder versucht, mit denselben Mitteln etwas zu lösen, das sich inzwischen verändert hatte?


Konnte ich Unterstützung nutzen?

Habe ich Menschen einbezogen, die mir helfen konnten, oder versucht, alles allein zu bewältigen?


Wie hat sich meine psychische Verfassung im Verlauf entwickelt?

Wurde die Belastung mit der Zeit besser handhabbar? Konnte ich mich erholen oder neue Wege finden? Oder hat sich die Belastung zunehmend auf andere Lebensbereiche ausgeweitet?

Und schließlich: Was habe ich aus der Situation mitgenommen?


Nicht jede belastende Erfahrung muss eine persönliche Entwicklung auslösen. Aber häufig entstehen durch Bewältigung neue Erkenntnisse, Fähigkeiten oder Perspektiven.

Diese Fragen liefern keinen „Resilienztest“. Sie helfen vielmehr, den eigenen Umgang mit Belastungen differenzierter zu betrachten.


Kann man Resilienz stärken?

Ja, aber nicht im Sinne eines einfachen Trainingsprogramms.

Wenn Resilienz ein dynamischer Prozess ist, geht es weniger darum, sich eine bestimmte Eigenschaft anzutrainieren. Entscheidend ist vielmehr, die Bedingungen zu stärken, die eine gute Anpassung an Belastungen unterstützen.

Dazu gehört zunächst die Fähigkeit, Probleme realistisch einzuschätzen und Handlungsmöglichkeiten zu erkennen.

Was kann ich tatsächlich beeinflussen?

Welche Entscheidung steht an?

Welche Unterstützung brauche ich?

Wo muss ich akzeptieren, dass etwas außerhalb meines Einflussbereichs liegt?


Ebenso wichtig ist die psychische Flexibilität. Wenn sich die Situation verändert, müssen manchmal auch die eigenen Erwartungen, Strategien oder Prioritäten angepasst werden.

Eine weitere Ressource sind soziale Beziehungen. Resilienz entsteht nicht ausschließlich im Inneren eines Menschen. Unterstützung durch andere kann wesentlich dazu beitragen, Belastungen zu bewältigen. Die Forschung betrachtet deshalb inzwischen nicht nur individuelle Faktoren, sondern auch familiäre, soziale und gesellschaftliche Bedingungen.

Auch die Fähigkeit, mit eigenen Emotionen umzugehen, spielt eine Rolle. Das bedeutet allerdings nicht, unangenehme Gefühle möglichst schnell wegzumachen. Angst, Trauer oder Wut können normale Reaktionen auf Belastung sein. Entscheidend ist eher, ob wir trotz dieser Gefühle handlungsfähig bleiben und mit der Situation umgehen können.

Und schließlich braucht Anpassung Zeit.


Resilienz bedeutet nicht, möglichst schnell wieder zu funktionieren.

Ein Mensch kann eine schwere Zeit haben und trotzdem resilient sein. Entscheidend ist der Verlauf seiner Anpassung und die Frage, ob es ihm gelingt, mit der Belastung auf eine Weise umzugehen, die langfristig wieder zu einem tragfähigen Leben führt.


Der vielleicht wichtigste Perspektivwechsel

Vielleicht ist das der entscheidende Unterschied zwischen dem alltäglichen und dem psychologischen Verständnis von Resilienz:

Resilienz ist nicht die Fähigkeit, immer stark zu bleiben.

Sie ist die Fähigkeit, sich an Belastungen anzupassen, ohne daran dauerhaft zu zerbrechen.

Und diese Anpassung kann sehr unterschiedlich aussehen.

Manchmal bedeutet sie, weiterzumachen.

Manchmal bedeutet sie, etwas zu verändern.

Manchmal bedeutet sie, Unterstützung anzunehmen.

Und manchmal bedeutet sie, zu akzeptieren, dass das Leben nach einer belastenden Erfahrung nicht mehr genauso aussieht wie vorher.

Resilienz ist deshalb weder Unverwundbarkeit noch ein dickes Fell.

Sie ist auch kein Zustand, den man einmal erreicht und dann für immer besitzt.

Sie ist ein Prozess, der sich im Laufe des Lebens verändern kann.


Vielleicht ist deshalb die bessere Frage nicht: „Wie viel kann ich aushalten?“

Sondern: „Wie gut kann ich mich an das anpassen, was das Leben gerade von mir verlangt?“


Und vielleicht gehört genau dazu auch das, was Resilienz für mich ganzheitlich bedeutet:

Mit dem Leben mitzugehen, ohne sich selbst dabei zu verlieren.

Quellen

Bonanno, G. A. (2004). Loss, trauma, and human resilience: Have we underestimated the human capacity to thrive after extremely aversive events? American Psychologist, 59(1), 20–28. https://doi.org/10.1037/0003-066X.59.1.20

Southwick, S. M., Bonanno, G. A., Masten, A. S., Panter-Brick, C. & Yehuda, R. (2014). Resilience definitions, theory, and challenges: Interdisciplinary perspectives. European Journal of Psychotraumatology, 5. https://doi.org/10.3402/ejpt.v5.25338

Denckla, C. A., Cicchetti, D. & Kubzansky, L. D. (2020). Psychological resilience: An update on definitions, a critical appraisal, and research recommendations. European Journal of Psychotraumatology, 11(1). https://doi.org/10.1080/20008198.2020.1822064

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