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Das Immunsystem: Mehr als unsere Abwehr. Warum Regulation entscheidend ist


Wenn Menschen vom Immunsystem sprechen, denken sie meistens an Abwehr.

An Viren.

An Bakterien.

An Infekte.

Und natürlich gehört genau das zu seinen zentralen Aufgaben.


Doch das Immunsystem ist wesentlich komplexer. Es ist kein einfacher Schutzschild, der Krankheitserreger von außen fernhält. Es ist ein hochdynamisches Netzwerk aus Zellen, Geweben, Signalstoffen und Organen, das permanent Informationen verarbeitet und seine Reaktionen an die jeweilige Situation anpasst.


Seine eigentliche Leistung liegt deshalb nicht nur darin, zu reagieren.

Sondern darin, richtig zu reagieren.


Erkennen ist der erste Schritt

Das Immunsystem muss kontinuierlich zwischen unterschiedlichen Signalen unterscheiden. Dazu gehören Bestandteile von Mikroorganismen, geschädigte körpereigene Strukturen und Signale aus dem Gewebe.


Zellen des angeborenen Immunsystems verfügen über sogenannte Pattern-Recognition-Rezeptoren, mit denen sie charakteristische mikrobielle oder durch Gewebeschädigung entstehende Signale erkennen können. Diese erste Erkennung beeinflusst, welche nachfolgenden Immunreaktionen ausgelöst werden.

Dabei geht es nicht einfach um die Unterscheidung von „fremd“ und „eigen“. Das biologische System muss zusätzlich beurteilen:


Ist dieses Signal gefährlich?

Wie stark ist die Gefahr?

Wo befindet sie sich?

Und welche Reaktion ist angemessen?


Das ist bereits Regulation.


Reagieren ist nicht das Gleiche wie regulieren

Eine Immunreaktion ist zunächst eine Schutzreaktion.

Bei einer Infektion können Immunzellen beispielsweise Krankheitserreger erkennen, weitere Immunzellen rekrutieren und über Zytokine die lokale Reaktion koordinieren.

Bei einer Verletzung hilft die Immunantwort dabei, beschädigtes Gewebe zu räumen und die Voraussetzungen für Reparatur zu schaffen. Auch bei der Wundheilung zeigt sich deshalb besonders deutlich, warum Immunaktivität und Regulation zusammengehören. Neutrophile Granulozyten und Makrophagen sind zunächst an der Abwehr und Beseitigung von Zelltrümmern beteiligt. Im weiteren Verlauf müssen sich die beteiligten Zellen und Signalwege jedoch in Richtung Auflösung der Entzündung und Gewebereparatur verändern.

Bleibt die Entzündungsphase bestehen, kann die Heilung beeinträchtigt werden. Ein Immunsystem, das ausschließlich „stark“ reagiert, wäre daher nicht automatisch gesund. Es könnte sogar problematisch sein. Denn dieselben Mechanismen, die Gewebe schützen, können bei übermäßiger oder fehlgeleiteter Aktivierung Gewebe schädigen.


Zu wenig, zu viel oder zur falschen Zeit

Immunsystem und Gesundheit lassen sich deshalb nicht sinnvoll in die Kategorien „stark“ und „schwach“ einteilen. Interessanter ist die Frage nach der Qualität der Regulation.


Eine zu geringe oder unzureichende Immunantwort kann die Kontrolle bestimmter Infektionen erschweren.


Eine überschießende Reaktion kann dagegen zu unnötiger Gewebeschädigung beitragen.


Und eine fehlgeleitete Reaktion kann körpereigene Strukturen betreffen oder auf eigentlich harmlose Reize reagieren.


Bei Allergien richtet sich die Immunantwort gegen normalerweise harmlose Umweltantigene. Bei Autoimmunerkrankungen richtet sich die Immunreaktion gegen körpereigene Strukturen. Bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen kann eine Entzündungsreaktion über längere Zeit bestehen bleiben und dadurch selbst zur Belastung des Gewebes werden. Die jeweiligen Mechanismen sind sehr unterschiedlich und sollten nicht unter einem einzigen Begriff zusammengefasst werden.

Genau deshalb ist Dysregulation ein so wichtiger Begriff.

Er beschreibt nicht einfach „zu viel“ oder „zu wenig“.

Er beschreibt, dass eine biologische Reaktion nicht mehr optimal an Reiz, Intensität, Ort oder Dauer angepasst ist.


Regulation bedeutet auch: wieder aufhören können

Eine der wichtigsten Fähigkeiten des Immunsystems besteht darin, eine Reaktion zu beenden.

Bei einer akuten Entzündung werden zunächst Signale aktiviert, die Immunzellen an den Ort des Geschehens bringen und die Abwehr koordinieren.

Wenn die Bedrohung kontrolliert und beschädigtes Material beseitigt ist, muss ein weiterer Prozess einsetzen: die Resolution.

Diese Rückkehr zur Gewebehomöostase ist ein aktiv regulierter Vorgang. Spezialisierte Mediatoren und verschiedene Immunzelltypen tragen dazu bei, Entzündung zu begrenzen, Zellreste zu beseitigen und Reparaturprozesse zu unterstützen.

Das verändert die Perspektive auf das Immunsystem grundlegend.

Die entscheidende Frage ist nicht nur: Kann mein Immunsystem reagieren?

Sondern: Kann es eine Reaktion angemessen starten, steuern und wieder beenden?


Das Immunsystem als Schnittstelle

Diese Regulationsfähigkeit entsteht nicht isoliert im Immunsystem.

Immun-, Nerven- und Hormonsystem stehen in einem kontinuierlichen Austausch.

Das Nervensystem beeinflusst beispielsweise die Aktivität, Verteilung und Funktion von Immunzellen über autonome Nervenbahnen und neuroendokrine Signale. Umgekehrt können Immunmediatoren die Funktion des Nervensystems beeinflussen. Die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse ist dabei eine zentrale Verbindung zwischen Stressreaktion und Immunregulation.

Auch der Darm ist ein wichtiger Ort dieser Kommunikation. Dort treffen Nahrungsbestandteile, Mikrobiota, Darmepithel, Immunzellen, enterisches Nervensystem und hormonelle Signale aufeinander. Der sogenannte Darm-Hirn-Achsen-Komplex ist deshalb keine Einbahnstraße, sondern ein bidirektionales Kommunikationssystem, in dem auch Immunmediatoren eine wichtige Rolle spielen.

Das Immunsystem wird damit zu einer Art Schnittstelle zwischen innerem Milieu und äußerer Umwelt.

Es reagiert auf Verletzung, Infektion, mikrobielle Signale und Veränderungen des Gewebes. Gleichzeitig beeinflussen seine Signale andere physiologische Systeme.


Deshalb greift „Immunsystem stärken“ zu kurz

Die populäre Vorstellung, man müsse das Immunsystem einfach „stärken“, klingt zunächst logisch. Biologisch ist sie jedoch zu undifferenziert.

Ein Immunsystem soll nicht maximal aktiv sein.

Es soll angemessen aktiv sein.

Es soll auf Gefahr reagieren können, ohne unnötig körpereigenes Gewebe zu belasten.

Es soll eine Immunantwort aufrechterhalten können, solange sie erforderlich ist und anschließend die Prozesse zur Beendigung und Reparatur einleiten.

Das Ziel ist daher nicht maximale Aktivität.

Das Ziel ist Regulationsfähigkeit.

Und genau hier liegt für mich die zentrale Bedeutung des Immunsystems im holistischen Gesundheitsverständnis:

Es ist nicht nur ein Abwehrsystem.

Es ist ein wesentlicher Bestandteil der biologischen Kommunikation, der Gewebehomöostase und der Anpassung an Veränderungen.

Das Immunsystem zu verstehen bedeutet deshalb nicht nur zu verstehen, wie der Körper Krankheitserreger bekämpft.

Es bedeutet zu verstehen, wie der Organismus erkennt, reagiert, kommuniziert, begrenzt, repariert und wieder ins Gleichgewicht findet.

Das macht das Immunsystem zu einem zentralen Fundament der Regulation, nicht als isoliertes Kontrollzentrum, sondern als Teil eines hochvernetzten biologischen Systems.



Quellen:

Kawai & Akira (2010) The role of pattern-recognition receptors in innate immunity: update on Toll-like receptors.Nature Immunology, 11, 373–384. DOI: 10.1038/ni.1863 PubMed


Serhan, Chiang & Van Dyke (2008) Resolving inflammation: dual anti-inflammatory and pro-resolution lipid mediators.Nature Reviews Immunology, 8, 349–361. DOI: 10.1038/nri2294 Nature Reviews Immunology


Webster, Tonelli & Sternberg (2002) Neuroendocrine regulation of immunity. DOI: 10.1146/annurev.immunol.20.082401.104914 PubMed


 
 
 

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