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Holistische Gesundheit: Warum Zusammenhänge wichtiger sind als einzelne Symptome


Gesundheit wird häufig in einzelne Bereiche aufgeteilt: Das Nervensystem gehört zur Neurologie, der Stoffwechsel zur Endokrinologie, der Darm zur Gastroenterologie und das Immunsystem zur Immunologie.

Diese Einteilung ist für die Medizin notwendig, um komplexe Prozesse zu untersuchen und Erkrankungen gezielt zu behandeln.

Der menschliche Organismus selbst funktioniert jedoch nicht in Fachgebieten.

Er funktioniert als vernetztes biologisches System.


Körperliche Regulation entsteht aus dem Zusammenspiel zahlreicher Systeme, die Informationen austauschen, aufeinander reagieren und ihre Aktivität kontinuierlich an veränderte Bedingungen anpassen. Besonders deutlich wird das an der Verbindung zwischen Nervensystem, endokrinem System und Immunsystem. Diese Systeme beeinflussen sich gegenseitig über Nervenimpulse, Hormone, Neurotransmitter und Immunmediatoren wie Zytokine.


Was bedeutet „holistisch“?

Holistisch zu denken bedeutet nicht, möglichst viele Faktoren gleichzeitig aufzuzählen.

Es bedeutet, Beziehungen zwischen den Faktoren zu verstehen.

Eine ganzheitliche Betrachtung fragt deshalb nicht nur: Wo befindet sich das Symptom?

Sondern auch: Welche biologischen Prozesse stehen mit diesem Symptom in Verbindung? Welche Systeme beeinflussen sich gegenseitig? Und wie gut gelingt es dem Organismus, nach einer Belastung wieder in einen stabilen Regulationszustand zurückzukehren?


Damit verschiebt sich der Blick von der isolierten Betrachtung eines einzelnen Symptoms hin zur Regulation des Gesamtsystems.

Das bedeutet nicht, jedes Symptom auf eine einzige gemeinsame Ursache zurückzuführen. Im Gegenteil: Komplexe Erkrankungen entstehen in der Regel aus einem Zusammenspiel genetischer, immunologischer, metabolischer, neuroendokriner, umweltbezogener und verhaltensbezogener Faktoren.

Holistisches Denken bedeutet daher nicht Vereinfachung.

Es bedeutet, Komplexität in ihren Zusammenhängen zu betrachten.


Das Immunsystem ist mehr als Abwehr

Hier wird das Immunsystem besonders interessant.

Traditionell wird es vor allem als Verteidigungssystem verstanden: Es erkennt potenziell gefährliche Strukturen, aktiviert Abwehrmechanismen und hilft dabei, Krankheitserreger und geschädigte Zellen zu beseitigen.

Diese Beschreibung ist richtig, aber unvollständig.

Moderne Immunologie betrachtet das Immunsystem zunehmend als Bestandteil eines weitreichenden Homöostasenetzwerks. Immunzellen befinden sich nicht nur in lymphatischen Organen, sondern im gesamten Körper und kommunizieren mit Zellen des Nervensystems, des Stoffwechsels, des Gefäßsystems, des endokrinen Systems und vieler Gewebe. Sie erkennen Veränderungen, reagieren auf Signale und beeinflussen ihrerseits die Funktion anderer Zellen und Organe.

Damit wird das Immunsystem zu einer Art biologischem Informations- und Regulationsnetzwerk.


Es registriert beispielsweise, wenn Gewebe verletzt wurde, wenn mikrobielle Strukturen erkannt werden oder wenn sich das lokale Milieu verändert.

Die Antwort darauf ist nicht immer einfach „Entzündung“.

Vielmehr muss das Immunsystem unterscheiden:

Was ist harmlos?

Was gehört zum eigenen Körper?

Was stellt eine Gefahr dar?

Wie stark muss reagiert werden?

Wie lange muss die Reaktion aufrechterhalten werden?

Und vor allem:

Wann ist es Zeit, die Reaktion wieder herunterzufahren?

Diese letzte Frage ist für Gesundheit von zentraler Bedeutung.


Regulation bedeutet nicht, möglichst wenig zu reagieren

Ein gut reguliertes Immunsystem ist kein Immunsystem, das möglichst wenig aktiv ist.

Es ist ein Immunsystem, das angemessen reagieren und anschließend wieder in Richtung Homöostase zurückkehren kann.

Eine Immunreaktion muss beispielsweise bei einer Infektion ausreichend stark sein, um einen Erreger zu kontrollieren. Gleichzeitig darf sie nicht so lange oder so intensiv bestehen bleiben, dass sie das eigene Gewebe schädigt.

Auch die Beendigung einer Entzündungsreaktion ist deshalb kein passiver Vorgang. Die sogenannte Resolution der Entzündung ist ein aktiv regulierter biologischer Prozess, der dazu beiträgt, Gewebe wieder in einen stabilen Zustand zu bringen.

Genau hier wird der Begriff Regulation wichtiger als der Begriff „Stärkung“.

Denn ein Immunsystem lässt sich biologisch nicht sinnvoll nur danach beurteilen, wie stark es reagiert.

Entscheidend ist auch:

Wie präzise reagiert es?

Wie angemessen reagiert es?

Und wie gut beendet es die Reaktion?


Warum einzelne Symptome manchmal zu kurz greifen

Ein Mensch mit wiederkehrenden Infekten, Allergien, Verdauungsbeschwerden oder chronisch entzündlichen Prozessen kann sehr unterschiedliche Symptome zeigen.

Das bedeutet nicht, dass hinter all diesen Beschwerden zwangsläufig dieselbe Ursache steckt.

Es bedeutet aber, dass die beteiligten Regulationssysteme miteinander kommunizieren.

Das Nervensystem beeinflusst Immunzellen über neuronale und hormonelle Signale. Das Immunsystem kann umgekehrt über Zytokine und andere Mediatoren die Funktion des Nervensystems beeinflussen. Auch der Darm bildet mit Nervensystem und Immunsystem ein eng vernetztes Kommunikationssystem.

Das ist der Punkt, an dem holistisches Denken seinen praktischen Wert bekommt.

Nicht nur: „Alles hängt mit allem zusammen.“

Das wäre zu unspezifisch.

Sondern: „Welche konkreten biologischen Verbindungen sind in diesem Fall relevant?“


Das Immunsystem als regulatorisches Fundament

Wenn ich das Immunsystem in einem holistischen Gesundheitsverständnis als Fundament der Regulation bezeichne, ist damit deshalb kein hierarchisches Steuerzentrum gemeint.

Das Immunsystem steht nicht „über“ dem Nervensystem oder dem Stoffwechsel.

Vielmehr bildet es gemeinsam mit ihnen ein Netzwerk, in dem Informationen ständig ausgetauscht werden.

Gerade weil Immunzellen Veränderungen in praktisch allen Geweben wahrnehmen und über Mediatoren auf andere Systeme einwirken können, ist das Immunsystem ein zentraler Bestandteil dieses regulatorischen Netzwerks.

Und genau deshalb kann es sinnvoll sein, bei gesundheitlichen Beschwerden nicht ausschließlich dort hinzuschauen, wo das Symptom sichtbar wird.

Sondern eine Ebene tiefer:

Welche Systeme sind beteiligt?

Wie kommunizieren sie miteinander?

Und wie gut gelingt dem Organismus die Rückkehr zur Homöostase?


Für mich beginnt genau dort holistisches Denken. Nicht beim Versuch, alles gleichzeitig zu behandeln. Sondern beim Verstehen der Zusammenhänge.


Quellen: Besedovsky, H. O., del Rey, A., & Lange, T. (2019). The immune system as a sensorial system that can modulate brain functions and reset homeostasis., Annals of the New York Academy of Sciences, 1437(1), 5–14. DOI: 10.1111/nyas.13935 PubMed


Webster, Tonelli & Sternberg (2002) Neuroendocrine regulation of immunity. Annual Review of Immunology, 20, 125–163. DOI: 10.1146/annurev.immunol.20.082401.104914 PubMed


Dinan & Cryan (2017) The Microbiome-Gut-Brain Axis in Health and Disease. Gastroenterology Clinics of North America, 46(1), 77–89. DOI: 10.1016/j.gtc.2016.09.007 PubMed


 
 
 

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